
Das von Paul Schärer und Fritz Haller konzipierte Wohnhaus gilt als Inbegriff einer neuen modularen Architektur, die ihre Funktionalität auch im äusseren Erscheinungsbild sichtbar macht. Dass die Bauteile in der nur wenige Meter entfernten Fabrik gefertigt wurden, war dabei nicht lediglich Ausdruck pragmatischen Denkens. Vielmehr zielte das Projekt darauf ab, die Möglichkeiten des Systembaus zu erproben und zugleich überzeugend zu demonstrieren. Dies erhielt zusätzliche Bedeutung, weil das international etablierte Möbelbausystem des Unternehmens hier auf einen damals noch ungewohnten architektonischen Massstab übertragen wurde.
Chronologie
Das Haus, entworfen vom Schweizer Architekten Fritz Haller, gilt als Beispiel visionärer Wohnkonzepte. Es wurde zwischen 1968 und 1969 für die Familie Schärer, Inhaber der Firma USM, errichtet und bis nach 2000 von ihnen bewohnt. In dieser Zeit erfolgten lediglich kleinere Renovierungen. Eine umfassende, denkmalgerechte Sanierung fand zwischen 2015 und 2020 anlässlich des 50-jährigen Bestehens statt und wurde vom Berner Architekturbüro vuotovolume ausgeführt. Heute dient der Bau als Gästehaus der Firma.
Lage
Das Wohnhaus Schärer befindet sich in der südlichen Gewerbezone von Münsingen im Kanton Bern, in unmittelbarer Nachbarschaft zur westlich gelegenen USM-Fabrik. Trotz dieser Nähe ist das Haus so konzipiert, dass es in mehrere Richtungen weite Ausblicke bietet. Durch seine erhöhte Lage am Hang eröffnet sich nach Südwesten eine Aussicht auf die Aare und die Alpen, während sich im Osten Felder und ein kleines Waldstück anschliessen.
Beschreibung
Der Stahlskelettbau steht auf schlanken Stützen, die das Gebäude über das abfallende Gelände anheben. Sein Erscheinungsbild ist deutlich von den Gestaltungsprinzipien Ludwig Mies van der Rohes geprägt. Dies zeigt sich insbesondere im Einsatz grossflächiger, raumhoher Fenster, die eine fliessende Verbindung zwischen Innen- und Aussenraum herstellen und die umgebende Natur in das Wohnkonzept einbeziehen. Fassadenbild, Struktur und Volumen des Hauses sind wesentlich durch die Vorgaben des verwendeten Bausystems «MINI» bestimmt. Die Fenster betonen das auf einem 1,20-Meter-Modul basierende Raster und tragen entscheidend zur geometrischen Ordnung der architektonischen Gestaltung bei. Ein weiteres prägendes Merkmal der Fassade sind die charakteristisch profilierten Windbleche, die entlang der Hauptachsen angeordnet sind. Diese Elemente verstärken die strenge Formensprache des Baus und setzen einen bewussten Kontrast zur umliegenden Landschaft. Die an den schmaleren Stirnseiten positionierten Balkone erweitern nicht nur die Fassadenausdehnung, sondern schaffen zugleich zusätzlichen Raum für den Aufenthalt im Freien. Auf einer tiefer gelegenen Ebene des Aussenbereichs befinden sich zudem ein Aussenpool sowie ein kleines Nebengebäude, das in der gleichen architektonischen Formensprache ausgeführt ist.
Im Innern sind die Räume auf drei Geschosse verteilt, die eine zentrale Wendeltreppe miteinander verbindet. Im Obergeschoss befindet sich ein grosszügiger, offen gestalteter Wohn-, Ess- und Küchenbereich, der zur Aare hin orientiert ist. Im rückwärtigen Bereich liegen drei Zimmer, die sich mittels Schiebetüren abtrennen lassen. Im Grundriss folgen diese Zonen konsequent den Vorgaben des zugrunde liegenden Modulrasters. Glaswände und Schiebetüren gewährleisten eine kontinuierliche visuelle Verbindung nach aussen und sorgen zugleich für eine hohe natürliche Belichtung. Sichtbare Konstruktionselemente sind aus Aluminium gefertigt, während für Flächenfüllungen Holzwerkstoffe verwendet wurden.
Literatur
- Stalder, Laurent, Vrachliotis, Georg. Wohnen mit Weitblick. Haus Schärer, Münsingen 1968–1969, 1984–1986 (online)
- Kietzmann, Norman: WOHNEN MIT SYSTEM (05.07.2021) (online)
- Furrer, Bernhard. Eine Ikone der Nachkriegszeit und Wiedergeburt eines Mytos, in: TEC21 34 (2021), S. 24-35 (online)
- Clarke, Roddy: The iconic Buchli house at USM’s Münsingen campus in Switzerland is back in use (02.08.2023) (online)
- Vuotovolume: 030 Wohnhaus Schärer «Buchli», Münsingen (online)