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    Wohnungsbau mit System

    Normen prägen unser tägliches Leben und sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Von der Schraube, über den Türgriff bis hin zum PC-Screen ist alles normiert. Besonders im Bauwesen spielen Normen mehr denn je eine wichtige Rolle. Ein Pionier in der Normierung von Bauteilen sowie in der sogenannten schweren Vorfabrikation in der Schweiz war der Bauunternehmer Ernst Göhner (1900–1971). Obwohl die Ernst Göhner AG in den Jahren der Hochkonjunktur mit dem Bau grosser Siedlungen in den Agglomerationen der Kantone Zürich, Aargau und Genf massgeblich zur Linderung der Wohnungsnot beitrug, gerieten die Göhnersiedlungen in den 1970er-Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend in Verruf und wurden zum Sinnbild für den kapitalistischen, auf Profit ausgelegten Wohnungsbau. Heute stehen die meisten dieser Siedlungen, die zwischen den 1960er- und frühen 1980er-Jahren entstanden sind, kurz vor einer Sanierung oder wurden kürzlich saniert und tauchen somit wieder im Architekturdiskurs auf. In den letzten Jahren sind einige interessante Schriften zum «System Göhner» erschienen. Die Architekturbibliothek präsentiert anhand von ausgewählten Bauten und Siedlungen einen Querschnitt aus der Architekturproduktion der Ernst Göhner AG. Die Bautentexte thematisieren die Stellung der Bauwerke im Werk der Ernst Göhner AG, aber auch bereits erfolgte Sanierungen sowie den Umgang mit dem Bestand. Im Fokus dieses Textes stehen die in Elementbauweise erstellten Grosssiedlungen der Ernst Göhner AG. Um den Blick zu weiten, werden den Göhnersiedlungen ihre Entsprechungen in Bern-Bümpliz gegenübergestellt. Beim Bau dieser Hochkonjunktursiedlungen waren die Fragen und Probleme dieselben, die Protagonisten jedoch ganz andere.

     

    Ernst Göhner und die bescheidenen Anfänge der Ernst Göhner AG

    Der gelernte Glasermeister Ernst Göhner übernahm 1920, erst zwanzigjährig, das Geschäft seines Vaters. Die «Mechanische Glaserei, Gottlieb Göhner» war 1890 in Zürich gegründet worden. Der kleine Glaserei- und Schreinereibetrieb zählte beim Tod des Vaters gerade einmal sechs Mitarbeiter, was die bescheidenen Anfänge der Firma, die später einmal die international tätige Ernst Göhner AG werden sollte, verdeutlicht. [1] In den 1920er-Jahren begann der junge Ernst Göhner in den Bauzeitschriften Werbung für sein Geschäft zu platzieren und bewarb es als Schreinerwerkstätte und Fensterfabrik. [2] Mit dem Begriff Fabrik betonte er schon damals die maschinelle Produktion und begann noch in den 1920er-Jahren mit der Herstellung von genormten Fenstern und Türen, womit er den Grundstein für sein stetig wachsendes Unternehmen legte. [3] In einer Zeit, in der Historismus, Jugend- und Heimatstil mit ihren asymmetrischen Fassaden und Grundrissen sowie bewegten Dachlandschaften auch im Wohnungsbau noch weit verbreitet waren, war ein solcher Schritt umso erstaunlicher. Der entscheidende Vorteil der Normierung und Serienproduktion war jedoch, dass in der auftragsarmen Winterzeit auf Vorrat produziert werden konnte und Göhners Weitsicht sollte mit den aufkommenden Architekturströmungen des Neoklassizismus und besonders des Neuen Bauens belohnt werden. [4]

    Um sich in den wirtschaftlich schwierigen 1920er-Jahren eine sichere Auftragslage zu sichern, wurde Ernst Göhner als Bauherr aktiv: Zusammen mit dem Architekten Max Dietschi kaufte er 1922 ein Grundstück und bebaute es. Die Fenster und Türen für das Bauvorhaben wurden natürlich vom eigenen Betrieb geliefert. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 traf das Baugewerbe hart. Doch anstatt abzubauen, erkannte Göhner, dass man in der Krise preiswert bauen konnte: die Grundstücks- und Materialpreise sowie auch die Löhne waren tief, zudem war der Staat jedem Privaten, der baute und so Arbeitsplätze schuf, dankbar. So intensivierte sich in diesen Jahren auch die Zusammenarbeit mit dem Malermeister Jean Vannini (1902–2005), besonders im Wohnungsbau. Als eines der ersten gemeinsamen Projekte erwarben sie ein Haus an der Scheuchzerstrasse im Zürcher Kreis 6, renovierten und verkauften es. Weitere grössere Projekte folgten in den Krisenjahren, bei denen sie aufgrund der günstigen Finanzierungslage mit Bankhypotheken und Finanzhilfen bis zu 90 Prozent der Baukosten erhielten. Um kein Eigenkapital zu investieren, mussten sie in ihrer Endabrechnung lediglich jeweils 10 Prozent unter dem von der Subventionsbehörde genehmigten Kostenvoranschlag bleiben. [5]

     

    Vom Bauen in Norm zum Vollelementbau im «System Göhner»

    Ernst Göhner schien mit der Herstellung von Normtüren und -fenstern zunehmenden Erfolg zu haben: 1932 wagte er nun den entscheidenden Schritt von der Einzelanfertigung zur Fabrikation mit der Gründung der Türen- und Fensterfabrik, kurz TUFA, in Altstätten SG. [6] In den Jahren der Weltwirtschaftskrise wurden der TUFA als Arbeitsbeschaffungsmassnahmen auch die Parkettfabrikation sowie die Fabrikation von Holzkarosserien für die Auto-Union angegliedert. [7] Die ständig wachsende Einzelfirma wurde schliesslich 1935, auf dem Höhepunkt der Krise, in die Ernst Göhner AG umgewandelt. [8] Es entstanden nun vermehrt Wohnbauten aber auch Geschäftshäuser im Raum Zürich, wie der 1940 nach den Plänen des ETH Professors Otto Rudolf Salvisberg (1882–1940) erbaute Bleicherhof in Zürich. [9]

    Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Ernst Göhner AG neben der Herstellung von Normtüren und -fenstern sowie Parkettböden immer stärker als Bauherrschaft und auch als Generalunternehmung tätig. [10] Aber auch neue Normbauteile, wie die 1945 an der Basler Mustermesse präsentierten, in Serie hergestellten Norm-Küchenschränke bereicherten das Sortiment. [11] Göhner entwickelte indes die Idee der genormten Bauteile zur Idee der Vorfabrikation weiter: Mit dem Architekten Gottfried Schindler (1904–1990) schuf er 1946 ein Elementbausystem: das «Schindler-Göhner-System» SGS. Dieses erste, nach den Erfindern benannte Elementbausystem bestand noch fast komplett aus Holz. Wandelemente wurden in der Fabrik vorfabriziert und am Bauplatz zusammengesetzt. Dabei war beinahe der komplette Innenausbau – Türen, Schränke, Installationen – bereits montiert. Die Aussenwände hingegen, für die bereits eine Isolationsschicht und eine Schalung vorhanden waren, wurden auf der Baustelle ausbetoniert. Dieses Elementbausystem stiess vor allem im kriegsversehrten Ausland für den Wiederaufbau auf grossen Anklang. [12] In der Schweiz entstand 1946 ein Prototyp an der Überlandstrasse in Zürich-Schwamendingen in Form von zweistöckigen, langgezogenen Mehrfamilienhäusern. [13]

    Die folgenden Jahre waren vom steten Wachstum der Göhnerunternehmungen geprägt. 1947 erfolgte mit Jean Vannini die Gründung der Bauwerk Parkett AG St. Margrethen, in der Holzmosaik-Parkett und die Verarbeitungsmaschinen dazu hergestellt wurden. Durch Beteiligungen an Firmen, wie beispielsweise 1950 an der Reederei Zürich AG mit Gottlieb Duttweiler (1888–1962), dem Begründer der Migros, wuchs die Göhner AG zum internationalen Konzern heran. [14] Die Ernst Göhner AG baute derweil in Zürich, Basel, Bern, Luzern, Genf, St. Gallen, im Aargau und anderswo sowie auch in Übersee, so beispielsweise im Jahr 1954 Wohnblöcke in Toronto, Kanada. Aus administrativen Gründen wurden nun die Bauten immer mehr durch die Ernst Göhner AG direkt ausgeführt anstatt durch speziell gegründete Baugesellschaften, wie es davor oft der Fall war. [15]

    Ab 1962 erschien der Elementbau Katalog der Ernst Göhner AG. Zusammen mit der Baufirma Losinger AG hatte sich die Ernst Göhner AG an der IGECO AG in Etoy VD beteiligt, die seit 1956 für den Westschweizer Markt Grosstafeln herstellte. Ab 1965 entstanden zwei neue IGECO-Standorte in Lyssach BE und Volketswil ZH, wobei ausschliesslich in Volketswil für die Ernst Göhner AG produziert wurde. [16] Die in der Elementbaufabrik in Volketswil produzierten Vorfabrikationssysteme basierten nun auf vorgefertigten Betonplatten mit innerer Dämmung, sogenannten Sandwich-Betonelementen, sowie auf normierten, speziell für die Göhnerbauten entwickelten Typengrundrissen. In den zwei Testsiedlungen «Neuhof» in Cham ZG und «Neutannstein» in Thalwil ZH wurde die Göhnersche Grosstafelbauweise erprobt. [17]

    Bei der von Wendel Gelpke und Hans Düby sowie der Ernst Göhner AG 1965–1973 erbauten Siedlung Sunnebüel in Volketswil ZH kam erstmals das ab 1966 produzierte Elementbausystem «Göhner 2» (G2) zur Anwendung. Das System war vom Architekturbüro Gelpke Düby mitentwickelt worden. [18] In der Schweizerischen Bauzeitung 1967 wurde die erste Etappe der Sunnebüelsiedlung vorgestellt: Drei- bis Fünfzimmerwohnungen mit einem zentralen Vorplatz, einem Sanitärblock mit Küche und Bad, einem für die Göhnerwohnungen typischen Schrankraum und einem Balkon wurden hier den Mittelstandsfamilien geboten. [19] Bei den späteren Siedlungen der Serie G2 wurden die Grundrisse vor allem in der Dimensionierung der Balkone angepasst, sodass diese stärker hervorkragten, jedoch unabhängig von der Wohnungsgrösse immer dieselben Masse aufwiesen. Beim ab 1969 produzierten System G3, wie es beispielsweise bei der Siedlung Sonnhalde in Adlikon ZH zur Anwendung kam, erhielten die «Steiger-Balkone», nach ihrem Entwerfer benannt, eine Dreiecksform. Auch im Innenausbau der Wohnsiedlungen kamen die Fertigbauteile der Ernst Göhner AG zum Einsatz, so zum Beispiel lieferten die EGO-Werke (Ernst-Göhner-Werke), wie die TUFA ab 1962 hiess, Fenster, Türen und Küchenkombinationen. Das Parkett wurde von der ebenfalls zur Ernst Göhner AG gehörenden Bauwerk Parkett AG geliefert. [20]

    Die Elementbausysteme der Ernst Göhner AG erfreuten sich in den Jahren der Hochkonjunktur grosser Beliebtheit. Die Bewohner schätzten den hohen Ausbaustandard bei gleichzeitig günstigen Mieten. Doch auch die Fachwelt war interessiert: So wurde die Siedlung Sonnhalde in Adlikon als «Werkbund-Siedlung» projektiert, da sich nun auch der Schweizerische Werkbund veranlasst sah, sich mit der Grosstafelbauweise auseinanderzusetzen. [21] Auch wurde die Ortsgruppe Zürich des Schweizerischen Werkbundes von der Ernst Göhner AG beauftragt eine Musterwohnung in der Siedlung Benglen einzurichten. [22]

    In den Jahren zwischen 1965 und 1975 wurden von der Ernst Göhner AG im Schweizer Mittelland etwa 9000 Wohnungen in Elementbauweise erstellt. Diese Grössenordnung ist für Schweizer Verhältnisse bemerkenswert, lässt sich aber nicht mit derjenigen in den europäischen und sowjetischen Nachbarländern vergleichen. Ein weiterer Unterschied zum Ausland ist, dass in der Schweiz die Grosstafelbauweise nie im Kontext des sozialen Wohnungsbaus stand, sondern im Wohnungsbau für den Mittelstand zur Anwendung kam. So zeichneten sich die Elementbaukataloge der Ernst Göhner AG durch eine grosse Vielfalt für verschiedenste Kundenwünsche aus. Auch war in einer Göhnersiedlung eine Fünfzimmerwohnung mit 96 Quadratmetern für eine vierköpfige Familie Standard. [23]

     

    Kritik und das Ende der Ernst Göhner AG

    Mit dem Erscheinen des Buches «Göhnerswil. Wohnungsbau im Kapitalismus», einer kapitalismuskritischen Schrift eines Autorenkollektivs der ETH Zürich gerieten die Göhnersiedlungen zunehmend in Verruf als gescheiterte Planungen und unmenschliche Architektur. Die Streitschrift von 1972 prangerte besonders das Gewinnstreben und Geschäftsgebaren der Ernst Göhner AG an. Kurt Gloors Dokumentarfilm «Die grünen Kinder», der am Beispiel der Göhnersiedlung Sunnebüel das Aufwachsen und Leben in einer Göhnersiedlung kritisierte, wurde zur gleichen Zeit im Schweizer Fernsehen gezeigt. [24] Einen Sommer lang wurde in der Presse negativ über die Göhnerunternehmungen berichtet. Als 1973 auch noch die Erdölkrise eintrat, war kaum mehr eine Nachfrage nach den Göhnerwohnungen vorhanden. [25]

    Das letzte grosse Siedlungsprojekt war die Webermühle in Neuenhof AG, die ab 1974 auf dem Areal einer ehemaligen Weberei erbaut wurde. Aufgrund von Baustopps und Verzögerungen, unter anderem da die Elementbaufabrik in Volketswil ZH 1978 schliessen musste, zog sich ihre Erstellung über zehn Jahre hin. [26]

    1971, kurz vor dem Tod Ernst Göhners wurde die Göhnergruppe mit der Ernst Göhner AG und ihren Tochtergesellschaften an die Elektrowatt AG verkauft. [27] Über diverse Zusammenschlüsse wurde die Firma zum heutigen Baukonzern Implenia. Der Erlös ging an die Eigentümerin der Firmen, die Ernst Göhner Stiftung, die heute zu den grössten Förderern in den Bereichen Kultur, Umwelt, Soziales sowie Bildung und Wissenschaft gehört.

     

    Von Berner Nachkriegssiedlungen zum Vollelementbausystem der Element AG Tafers

    Fernab der Reichweite der Göhnerunternehmungen, die ihr Monopol von Volketswil ZH aus bedienten, stellten sich die Fragen nach der Rationalisierung und Vergünstigung des Bauens auch in Bern. Um der Wohnungsnot in der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg beizukommen, waren in Berns Westen, im Stadtteil Bümpliz-Bethlehem, noch riesige Baulandreserven vorhanden. Ehemalige, vor den Toren der Stadt liegende Landgüter wurden von Bauunternehmungen aufgekauft und neu überbaut. In der Nachkriegszeit setzte deshalb ein regelrechter Bauboom ein und liess hier eine schweizweit einzigartige Siedlungslandschaft entstehen. Die Protagonisten waren allen voran das Architektenehepaar Hans (1915–2003) und Gret Reinhard (1917–2002). Hans und Gret Reinhard studierten beide 1937–1941 an der ETH Zürich, u. a. bei Otto Rudolf Salvisberg. 1942 gründeten sie ein gemeinsames Büro in Bern und realisierten 1947 mit dem Bethlehemacker I, einer Reihenhaussiedlung mit Pflanzgärten zur Selbstversorgung, ihr erstes grösseres Siedlungsprojekt. Hans Reinhards Vater, Ernst (1889–1947), war 1945 Gründer der Familienbaugenossenschaft FAMBAU, die in Bümpliz-Bethlehem Bauherrin vieler der Nachkriegssiedlungen war. Hans Reinhard sass ab 1964 selbst im Vorstand. Reinhards waren somit gut vernetzt und in den Folgejahren an fast allen Grossüberbauungen in Bümpliz-Bethlehem beteiligt. [28]

    Ausgehend von den Reihenhaussiedlungen über die ersten Mehrfamilienhaussiedlungen der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahre wurden aufgrund der noch immer akuten Wohnungsnot die Planungsmassstäbe immer grösser. Die Siedlung Tscharnergut, bei der Lienhard Strasser den Wettbewerb 1955 gewannen, markierte dann den entscheidenden Umbruch in der Bebauung des Stadtteils: weg von den Reihen- und Mehrfamilienhaussiedlungen hin zu Grossüberbauungen. Das Tscharnergut sprengte aufgrund der Grösse des zu überbauenden Gebiets, seiner imposanten Scheiben- und Punkthochhäuser und der differenzierten Grünraumgestaltung alle bisherigen Schweizer Massstäbe. [29] Für die Realisierung dieser international beachteten Siedlung in den Jahren 1958 bis 1962 wurden Lienhard Strasser in einer neu gegründeten Architektengemeinschaft Hans und Gret Reinhard, Eduard Helfer (1920–1981), Werner Kormann (1902–1986) sowie Ernst Indermühle (?–1964) zur Seite gestellt. [30] Fast zeitgleich wie Ernst Göhner entwickelten hier Reinhards zusammen mit Eduard Helfer, dem Ingenieurbüro Emch+Berger und der 1956 im freiburgischen Tafers gegründeten Element AG tragende Fassadenelemente aus Beton mit innerer Dämmung für die Aussenwände der zwanziggeschossigen Hochhäuser. [31] Damit war Anfang der 1960er-Jahre der Grundstein gelegt für das Vollelementbausystem der Element AG, das dann bei den von Reinhards entworfenen Siedlungen Gäbelbach, Schwabgut und Bethlehemacker II voll zur Anwendung kam. [32] Das Vollelementbausystem bestimmte auch hier die Grundrisse der verschiedenen Wohnungstypen. Im Gäbelbach erstellte die Element AG Tafers eine Dreieinhalbzimmerwohnung, die sodann als Muster für die verschiedenen Wohnungstypen der Scheibenhäuser im Schwabgut und im Bethlehemacker II diente. [33] Interessanterweise war bei den Berner Siedlungen der Standard für eine vierköpfige Familie etwas bescheidener: eine Dreieinhalbzimmerwohnung mit knapp 75,5 Quadratmetern.

     

    Vom Ende des Grosssiedlungsbaus

    Auch in Bern blieben die Grosssiedlungen von der Kritik nicht verschont. Sie seien kein Ort zum Aufwachsen für Kinder, würden Kriminalität fördern und der Massenwohnungsbau würde die Siedlungsflächen zu öden Betonwüsten verkommen lassen. [34] Bei den letzten beiden Berner Grosssiedlungen, dem Kleefeld und dem Holenacker, versuchte man der aufkommenden Kritik mit gestalterischen Mitteln entgegenzuwirken. So reagierten die Architekten (Max Jenni, Lienhard Strasser u. a.) im ab 1968 auf dem Terrain des ehemaligen Mäderguts erbauten Kleefeld mit sogenannten Kettenhäusern, also Hochhäusern, die in der Höhe und Tiefe gestaffelt sind, auf den Vorwurf der Monotonie. [35] Beim Bau der bis zu 25-geschossigen Hoch- und Kettenhäuser der Siedlung Holenacker – der allerletzten Hochhaussiedlung in Bern, die 1973 kurz vor der Erdölkrise die Hürde der Volksabstimmung gerade noch nehmen konnte [36] – wurde in der Fassadengestaltung mit Unregelmässigkeiten, Diagonalen, Vor- und Rücksprüngen versucht, ein möglichst lebendiges Bild zu erzeugen. Auffallend sind auch die roten Dämmungselemente, die der Bauzeit nach der Erdölkrise in den Jahren 1979–1986 geschuldet sind und die Aussenraumgestaltung um einen zentralen Grünbereich, die an damals beliebte Ferienressorts erinnert. Denn bereits in der Planungsphase bekamen die Architekten (Hans und Gret Reinhard, Helfer Architekten AG, Ulyss Strasser u. a.) heftigen Gegenwind zu spüren. Bei diesen letzten beiden Grosssiedlungen hatte man sich in Bern bereits wieder von der Vollelementbauweise verabschiedet: Die tragenden Elemente der Hoch- und Kettenhäuser – mit Ausnahme von vier Blöcken im Kleefeld Ost – sind unter Einsatz der sogenannten Tunnelschalung aus dem Tiefbau in Ortbeton erstellt worden. [37]

    Mit der Erdölkrise, dem Abflachen des Bevölkerungswachstums und dem Wegfallen der akuten Wohnungsnot fand in der Schweiz der seit den 1950er-Jahren andauernde Bauboom ein Ende und mit ihm verschwand auch der Markt für die Grosstafelbauweise. Denn diese rentierte nur, wenn in grosser Menge produziert werden konnte. Die Werke der IGECO AG mussten Ende der 1970er-Jahre ihre Tore schliessen, die Element AG mit zwei Standorten in Tafers und in Veltheim AG stellt zwar bis heute vorfabrizierte Betonelemente her, aber schon lange nicht mehr für den Wohnungsbau. Die Ära der Grosstafelbauweise im Wohnungsbau war vorbei. Als Zeugen dieser Epoche haben sich die Hochkonjunktursiedlungen erhalten. Sie haben aller Kritik getrotzt und sind dabei nach wie vor bewohnt und belebt, wie die nachfolgenden Beispiele anschaulich belegen.

    Hannah Wälti

     

    [1] Widmer, Sigmund. Ernst Göhner. Bauen in Norm. Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik Nr. 49. Meilen 1990, S. 9.

    [2] Siehe: Schweizerische Bauzeitung, 19/1923, o. S.

    [3] Furter, Fabian; Schoeck-Ritschard, Patrick. Göhner Wohnen. Wachstumseuphorie und Plattenbau. Baden 2013, S. 25. – Müller, Peter. Ernst Göhner (25.11.2005), in: Historisches Lexikon der Schweiz HLS.

    [4] Widmer 1990, S. 16.

    [5] Widmer 1990, S. 15–18. – «Vannini und Göhner bauten laufend und initiierten in den vierziger Jahren die Gründung von Wohnbaugenossenschaften» (Jean Vannini gestorben, in: NZZ-online, 22.06.2005).

    [6] Die TUFA wurde 1962 in EGO-Werke (Ernst Göhner Werke) umbenannt (Widmer 1990, S. 21). 1972 übernahmen die EGO-Werke den Konkurrenten Fenster Kiefer AG und fusionieren 1976 zur EGO Kiefer AG (Furter/Schoeck-Ritschard 2013, S. 30).

    [7] Bor, Stanislav (Regie); Fueter, Heinrich (Produktion). Ernst Göhner: Ein Beispiel. Condor-Film, Zürich 1970.

    [8] Müller 2005.

    [9] Der Bleicherhof ist das letzte Werk Salvisbergs, der ab 1929 Professor für Architektur an der ETH Zürich war.

    [10] In der Deutschschweiz gehörte Göhner zu den ersten, die als Generalunternehmer im grossen Stil Erfolg hatten (Widmer 1990, S. 51).

    [11] Furter/Schoeck-Ritschard 2013, S. 29.

    [12] Zietzschmann, Ernst. System Schindler-Göhner, in: Bauen + Wohnen 3/1947, S. 34-35.

    [13] o. A. Das vorfabrizierte Haus System Schindler-Göhner, in: Schweizerische Bauzeitung, 4/1946, S. 41.

    [14] Widmer 1990, S. 31–36. – Müller 2005.

    [15] Häsler, Alfred A. Einer muss es tun. Leben und Werk von Ernst Göhner, Frauenfeld 1981, S. 137.

    [16] Furter/Schoeck-Ritschard 2013, S. 46.

    [17] Überbauung «Neuhof» (Schellenmattstrasse 14–16 und Pilatusstrasse 5–7, Cham) und Überbauung «Neutannstein» (Bauackerweg 6–10, Thalwil).

    [18] Furter/Schoeck-Ritschard 2013, S. 48/51–52.

    [19] o. A. Überbauung in Volketswil, in: SBZ 44/1967, S. 799/800.

    [20] Furter/Schoeck-Ritschard 2013, S. 48, 55.

    [21] B. O. Siedlung und Zentrum «Sonnhalde» in Adlikon ZH, in: SBZ 23/1974, S. 567–570. – o. A. Projekt Siedlung Adlikon, in: Das Werk 11/1968, S. 749–755.

    [22] Furter/Schoeck-Ritschard 2013, S. 60. – Ambühler, Ernst; Huber, Verena; Rüegg, Ruedi. 16x die gleiche Wohnung, in: Das Werk 12/1974, S. 1445–1448.

    [23] Furter/Schoeck-Ritschard 2013, S. 9, 12. – Widmer 1990, S. 67.

    [24] Gloor, Kurt (Regie/Produktion). Die grünen Kinder – Filmisch-empirisches Soziogramm. Zürich 1972.

    [25] Furter, Fabian; Schoeck-Ritschard, Patrick. Normierung für den Mittelstand, in: Heimatschutz/Patrimoine 2/2013, S. 8.

    [26] Furter/Schoeck-Ritschard 2013, S. 225.

    [27] Widmer 1990, S. 75.

    [28] Schröter, Anne-Catherine; Sollberger, Raphael; Schnell, Dieter; von Allmen, Michael. Siedlungen der Nachkriegszeit in Bümpliz-Bethlehem (Schweizerische Kunstführer Nr. 1025). Bern 2018, S. 18/19. – Lang Jakob, Evelyne. Hans Reinhard (17.08.2010) sowie Gret Reinhard (04.05.2012) in: Historisches Lexikon der Schweiz HLS.

    [29] Schröter/Sollberger/Schnell/von Allmen 2018, S. 47.

    [30] Schröter/Sollberger/Schnell/von Allmen 2018, S. 32.

    [31] Schröter/Sollberger/Schnell/von Allmen 2018, S. 17. – Im Raum Bern gab es damals neben der Element AG in Tafers FR noch die bereits erwähnte IGECO AG in Lyssach BE.

    [32] o. A. Überbauungen Gäbelbach, Schwabgut und Bethlehemacker, Bern, in: Schweizerische Bauzeitung 44/1967, S. 801–803.

    [33] Schröter/Sollberger/Schnell/von Allmen 2018, S. 38.

    [34] Schnell, Dieter. Das abrupte Ende des Grosssiedlungsbaus, in: Heimatschutz/Patrimoine 2/2013, S. 20/21.

    [35] Schröter/Sollberger/Schnell/von Allmen 2018, S. 42.

    [36] Schnell 2013, S. 21.

    [37] Schröter/Sollberger/Schnell/von Allmen 2018, S. 43–45. – Lüthi, Matthias. Der Grosstafelbau im Raum Bern (Diplomarbeit Berner Fachhochschule – MAS Denkmalpflege und Umnutzung). Bern 2014, S. 10, 38/39.

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