
Das Wohn- und Bürohaus am Rothusweg zeichnet sich durch eine Bauweise aus, die von Peter Kamm unter der Bezeichnung «4D» entwickelt wurde. Sie plante von Beginn an Nutzungen ein, welche sich über die Jahre anpassen lassen. Nach dem Motto «Bauen mit dem Faktor Zeit» waren dafür drei Konzeptstufen vorgesehen, die auf die vierte Dimension Zeit reagieren, indem sie lang-, mittel- und kurzfristige Veränderungen zulassen.
Chronologie
Das Wohn- und Bürohaus wurde von Peter Kamm, Hansjörg Kündig und Helmuth Paschmann 1970 konzipiert und bis 1972 fertiggestellt.
Lage
Das Grundstück befindet sich am Rothusweg, einer Erschliessungsstrasse im Zuger Loreto-Quartier. Das Quartier liegt nordöstlich der Altstadt in Gehdistanz an einem Richtung Stadt und See orientierten Hang. Der Bahnhof Zug im Nordosten ist einige hundert Meter entfernt.
Beschreibung
Der Bau besteht aus zwei Körpern, einem südlichen mit längsrechteckigem und einen nördlichen mit polygonalem Grundriss. Die Strassenfassade des nördlichen springt auf drei Achsen zurück und verjüngt sich nach Norden. Die rückseitige Fassade weist die gleichen Sprünge auf, die jedoch deutlich weniger tief sind. Beide Körper sind dreigeschossig und verfügen über ein Flachdach mit Dachgarten. Sie sind durch ein rundes Treppenhaus mit Wendeltreppe und einen freistehenden Aufzugsschacht verbunden. Er dockt an Laubengänge an, die zu den Wohnungen führen. Das Erdgeschoss wird über eine Treppe erschlossen und schmiegt sich an die leichte Hanglage an. Die Fassade und ihre Rasterung bilden die dahinter befindliche Tragstruktur des Gebäudes mit ihren horizontalen und vertikalen Achsen ab. Die hellgrauen Stützenelemente aus Beton, die am Dachrand schräg auslaufen, bilden die äussere Ebene der Fassade, dahinter liegen die Sichtbetondecken und in der inneren Ebene die Fassadenverkleidung aus geschosshohen weissgrauen Faserzementplatten. Die Fenster sind mit Brüstungen versehen und bündig in die Fassadenverkleidung integriert. In der Südansicht des Gebäudes zeichnen sich die Loggien in der Fassade ab.
Die beiden Gebäudevolumen umfassen zwei Büros und zehn Eigentumswohnungen. Eine Tiefgarage und ein Schwimmbad werden vom ganzen Haus genutzt. Im Sinne des «4D»-Prinzips können die Wohnungen neu eingeteilt und Aussenräume zu Innenräumen umgestaltet werden. Dafür steht ein Lager von Wandelementen im Keller bereit, welche die Bewohnenden verwenden können. Das Hohlbodensystem macht technische Installationen immer zugänglich und unterstützt so die Flexibilität des ganzen Gebäudes.
Literatur
- KAMM Architekten AG. Wohnüberbauung Rothusweg (online)
- KAMM Architekten AG. Kamm 4D (online)
- Rothusweg 12-14, Zug, in: Schweizer Heimatschutz. Von Otterlo zur Ölkrise. Die schönsten Bauten 1960–75 (online)
- Gratz, Lucia. Systembau als soziales Projekt – das partizipative Planungssystem Kamm 4D, in: Sollberger, Raphael; Steiner, Ulrike. System & Serie: Systembau in der Schweiz – Geschichte und Erhaltung. Zürich 2022, S. 84–87
- Kamm, Peter. Intelligente Architektur statt Wegwerfhäuser, in: Heimatschutz 95 (2000), Heft 3, S. 6–9 (online)
- Loderer, Benedikt. Alte Wahrheiten in neuer Lage: die 4D-Bauweise von Kamm und Kündig, in: Hochparterre 5 (1992), Heft 10, S. 61–63 (online)
- Erfahrungen mit anpassungsfähigen Bauten: ein Gespräch mit den Architekten Peter Kamm, Hans Kündig, Helmut Paschmann und der Kunsthistorikerin Christine Kamm-Kyburz, in: Werk – Archithese 64 (1977), Heft 11-12, S. 61–64 (online)
- Kamm, Peter; Kündig, Hans. Architektur aus der Hand des Benützers: zur Überbauung am Rothausweg in Zug, in: Das Werk: Architektur und Kunst 60 (1973), Heft 3, S. 314–321 (online)